Demo: Presse-Nachklapp – Angst statt Freiheit. (update)

Das is ja alles sehr merkwürdig gelaufen.

Veranstalter und Polizei erwarteten bis zu letzt einhellig drei bis vier tausend Leute. Es kamen mindestens zehn Tausend. Die Polizei korrigierte ihre Zahl nach der Demo von zehn mal auf fünfzehn hoch (ggü. Anmelder und heise.de) und mal auf acht runter (Presse), die Veranstalter sprechen von fünfzehn, auf Indymedia liesst man zwanzig.

Auf jeden Fall waren es nicht zwei. Wie heute Die Welt, der Stern und gestern auch der Tagesspiegel behaupteten. Ursächlich dafür ist eine DPA Meldung vom Samstag Nachmittag, die von dieser Zahl spricht. Am Sonntag um etwa halb elf hiess es im Einleitungstext der DPA “mehrere Tausend”, im Text tauchte auch die Polizei acht wieder auf. Auch AP hat nach ihrer verpatzten Meldung gestern heute Morgen und am Mittag zwei Meldungen rausgegeben, die beide die acht nannten. (Womöglich stand da im Hintergrundtext auch die Zahl des Veranstalters, man wollte ihn mir nicht mailen wegen des Urheberrechtes. Wer is hier eigentlich Urheber von was?)

Es gab also noch genug Zeit für oben genannte Massenmedien hier die neuen Zahlen zu nehmen. Der Stern stützt sich als Quellen ausschließlich auf AP und DPA. Ich bemüh mich mal um ne Richtigstellung, wo das bei der AP heute so gut klappte. Deren Fauxpas ist bei Spreeblick gut dokumentiert und der Schaden konnte immerhin etwas minimiert werden.

Auch die Zahl der aufrufenden Organisationen im Bündnis wurde häufig mit 20 einfach schlicht weg falsch angegeben. Seit Wochen stehen im Aufruf mehr als das Doppelte.

Alles in Allem bin ich in diesem Punkt von der Presse sehr enttäuscht. Die sind auf unserer Seite, wir auf derer. Die machen die Meinung. Sie sind es, die sich Manipulationen beugen müssen in ihrem politischen Arbeitsalltag. Darum ging es ihnen auf der Demo ja auch.

Aber warum lassen sie sich durch falsche Zahlen irritieren?
Warum können sie Demos mit “leichten Rangeleien” (AP) nicht selbstbewusst beobachten?
Warum waren die Zeitungen am Sonntag so leer und die anderen Themen so langweilig?
Warum drucken sie auch noch am Montag die falschen Zahlen?
Warum bringen sie nix auf Titelseiten?
Warum berichten sie erst kaum (tagesschau), etwa um uns (meine Mutmaßung) keine “schlechte Presse” zu bescheren?

Ich bitte alle mitlesenden JournalistInnen, die noch sowas wie einen Presseausweis besitzen, hier mal ein paar Ansätze von Antworten zu formulieren. Ich verstehs einfach nicht.

Update: Die ganze Gewaltnummer hat ein sehr interessantes, politisches Nachspiel, dessen Anfänge in der Tageszeitung “junge Welt” gut dokumentiert sind. Hier die wichtigsten Auszüge aus dem Artikel von Peter Steiniger:

… Bis zum gestrigen Donnerstag war weder beim Senat noch den Regierungsparteien SPD und Linke ein Bemühen um Aufklärung festzustellen. …

… »Ich bin echt entsetzt. Die üblichen Rituale waren unnötig, die taktischen Fehler der Polizei sahen für mich wie Absicht aus«, sagte ein Sprecher des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung (Künstlername: padeluun) im Gespräch mit jW. …

… Nicht nur Springers Morgenpost (»Angriffe auf Polizisten bei Demonstration«) stellte im Anschluß den Handlungsverlauf auf den Kopf. In einer von der Partei Die Linke einberufenen Aktuellen Stunde des Innenausschusses des Abgeordnetenhauses am Montag gab der dem »rot-roten« Senat dienende Polizeipräsident Dieter Glietsch seinen Mannen Deckung: Diese seien in »angemessener und sachgemäßer« Weise vorgegangen. …

… Auf wiederholte Nachfrage zu politischen Konsequenzen an die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion kam leider keine Antwort. Marion Seelig entzog sich über mehrere Tage trotz Terminabsprachen einem Gespräch mit der jungen Welt. …

… Auch von der Berliner Polizei war am Donnerstag »angesichts des politischen Wirbels keine kurzfristige Stellungnahme« (O-Ton Polizeisprecher) zu erhalten. …

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5 Responses to “Demo: Presse-Nachklapp – Angst statt Freiheit. (update)”


  1. 1 Sebastian 24. September 2007 um 18:25

    1. Ich glaube, die Verwunderung über die wenige Berichterstattung liegt daran, dass die Teilnehmer der Demo die Relevanz der Veranstaltung anders einschätzen als die Journalisten. Wenn dreimalsoviele Leute kommen als die Veranstalter erwarten, dann ist das toll für die Veranstalter, aber ist für sich genommen kein Relevanzkriterium (zu diesen siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenwert). Damit eine Demo allein aufgrund der Teilnehmerzahl relevant wird, müsste diese noch deutlich höher sein.

    2. Über die Relevanz des Themas Überwachung gibt es wohl auch verschiedene Vorstellungen. Man kann das verallgemeinern: Jeder findet, dass die Themen, mit denen er selbst sich beschäftigt, relevanter als die Leute, die sich nicht mit diesem Thema beschäftigen. Letztere Leute finden dagegen andere Themen relevanter, die die ersteren Leute nicht so prickelnd finden. Wenn die einen und die anderen Leute zusammen eine Zeitung machen müssten und entscheiden, welches ihrer Themen der Aufmacher wird, wären am Ende des Tages auch nicht alle zufrieden.

    3. Es gibt viele Blogger, die sagen: Journalisten sind doch auch von der Überwachung betroffen und auf unserer Seite, dann könnten sie doch mehr darüber berichten. Auch hier liegt ein Missverständnis darüber vor, wie Journalismus funktioniert – Journalisten sind keine Leute, die nur das schreiben, was ihnen selbst am meisten nützt. Es gibt vielleicht bei einigen diese Tendenz, aber ganz so platt funktioniert das nicht.

    4. Die Faktenfehler in der Berichterstattung sind dem üblichen Arbeitsdruck geschuldet und dass man über Themen berichtet, von denen man keine Ahnung hat und von Demos, bei denen man nicht mit vor Ort war. Das liegt an der chronischen Unterfinanzierung vieler Redaktionen, die beklagenswert ist. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Leser auf Qualität keinen Wert legen und Mist bevorzugen. Die Blogger könnten ja mal zusammen eine Initiative zur Erhöhung der GEZ^H^H^H gesetzlichen Rundfunkgebühr machen.

  2. 2 wetterfrosch 24. September 2007 um 21:32

    Hi Sebastian, Danke erstmal.

    Die ersten beiden sind Punkte, die mir leider erst jetzt recht bewusst werden: Natürlich fand ichs zu wenig, ich steck in der Soße und mache ja die Demo nur, weil meiner Meinung nach immer zu wenig über das Anliegen berichtet wird. Ferner ist es ja auch ein Anliegen, dass weniger an konkreten Ereignissen (Schlagzeile), als an Stimmungen geknüpft ist (Hintergrund).

    Deinen dritten Punkt möchte ich nicht falsch verstanden wissen: Ich erwarte kein mehr an Berichterstattung über eine Sache, nur weil ein Journalist gleicher Meinung ist. Mit dem Konzept von Objektivität lässt sich das nicht vereinbaren. Drum ist es gut, dass es nicht etwa einen Wagen eines Journalistenverbandes gab. Ich hoffe, dass das nicht so platt funktioniert. Aber eine gewisse Priorisierung in der Selektion der Themen für gewisse Auswahlen sollte schon drin sein, find ich. Ob das stattfand, weiss ich natürlich nicht.

    Fakten sind schwierig. Grade bei dieser Demo. Plus dem Fakt der Gewaltfrage. Dann war das alles noch auf nem Samstag Nachmittag eh unpassend gelegen. Ferner hat sich der Veranstalter während der Demo auch nicht besonders um die Betreuung der Presse gekümmert, wie sich nun leider zwischenzeitig rausstellt.

    Alles in allem haben wir viel gelernt. Nächstes Mal wirds dann wenigstens zügiger, ästhetischere, frei lizensierte und hoch aufgelöste Fotos geben.

  3. 3 Sebastian 25. September 2007 um 12:39

    > Alles in allem haben wir viel gelernt. Nächstes Mal wirds dann
    > wenigstens zügiger, ästhetischere, frei lizensierte und hoch
    > aufgelöste Fotos geben.

    die allerdings keine Zeitung drucken wird, weil die sich in der Praxis auf die Agenturfotografen verlassen und gar nicht erst nach freien Bildern Ausschau halten – das Umdenken dort hat noch nicht stattgefunden.

  4. 4 tochkopf 25. September 2007 um 15:50

    Auch wenn hier der Versuch unternommen wurde, schlechte und fehlerhafte Presse zu entschuldigen, muß ich darauf bestehen, daß es keine Entschuldigung dafür gibt. Zumindest heute nicht mehr. Was sich heute vielfach Journalist nennt, hat nicht mal den Begriff eines Schreiberlings verdient.

    Es ist in der Tat so, daß viele Journalisten einem enormen Druck ausgesetzt sind: dem Themendruck. Es ist zumeist nicht mehr möglich, engagierte Themen zu placieren, dabei ist es egal, in welche Richtung sie gehen. Grund: engagierte Autoren wurden und werden fast systematisch aus der Presselandschaft entfernt. Sie müssen sich mehr und mehr als freie Journalisten verdingen und werden dann wiederum nur eingekauft, wenn sie Boulevardthemen anbieten.
    Lediglich die linke und rechte Kampfpresse haut ab und zu mal auf den Busch.

    Wie und was berichtet wird, entscheiden in letzter Konsequenz die Redaktionsleiter bereits vor dem Druck, vor der Sendung, auf der Themenkonferenz. Und da gehts ungefähr so:
    Junger Autor (wird nach Minuten bezahlt): “Ah, da solls so ne Demo gegen Überwachung geben.”
    Chef vom Dienst (Gehalt ca. 7.000 Euro) gähnt.
    Älterer Autor (Freund vom Chef vom Dienst): “Ja und?”
    Junger Autor: “Na da könnte man nen schönen Bericht machen oder sogar ne Reportage mit nem Betroffenen oder so.”
    Chef vom Dienst schaut etwas angewidert in die Runde.
    Der Rest der Runde schaut auf den Fußboden oder auf den Tisch.
    Chef vom Dienst: “Ne Nachricht. 30 Sekunden. Als Ersatz, wenn sonst nichts ist.”

    Es mag sein, daß die Demo der Größe wegen nicht relevant war. Aber das Thema ist höchst relevant und die Journalisten sollten hier jeden Anlass nutzen, um das Thema mit Geschichten zu füllen und wahrnehmbar zu placieren.


  1. 1 Jetzt auch in groß und friedlich: Die neue Freiheitsbewegung. « Wetterfroschs Einmachglas Trackback zu 24. September 2007 um 21:35

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